Alle beklagen den Flächenverbrauch – aber wie sieht es vor unserer Haustür aus?

Der sogenannte „Flächenverbrauch“, d.h. die ungebremste Ausdehnung von Siedlungs- und Verkehrsflächen auf Kosten der Landschaft, wird von vielen Seiten beklagt, so z.B. den Bauern- und Umweltverbänden. Der Flächenverbrauch wird landesweit von Katasterämtern erfasst und durch das Statistische Bundesamt jährlich zusammengestellt. Die höchsten Werte wurden im Jahr 2000 mit 129 ha pro Tag festgestellt, das entspricht 471 km2 pro Jahr (oder rund 57 000 Fußballfeldern). Das Phänomen wird seit Langem beobachtet und beklagt, im Rahmen der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie hat die Bundesregierung schon 2002 beschlossen, bis 2020 den bundesweiten Flächenverbrauch auf 30 ha pro Tag zu begrenzen.

Es sind zwar bereits Verbesserungen eingetreten, die letzten Zahlen des Flächenverbrauchs (31.12.2014) verfehlen mit 63 ha pro Tag aber nach wie vor deutlich die Zielmarke.

Als Tostedter GRÜNE haben wir die Bauentwicklung in der Randlage des Großraums Hamburg verfolgt und im Rahmen unserer Ratstätigkeit auch versucht, Expansionen in die Landschaft zu verhindern. Aber uns fehlte eine Messlatte, anhand derer wir prüfen konnten, ob Erweiterungen von Siedlungsflächen im Rahmen der gefassten Ziele bleiben oder ob wir Teil des bundesweiten Problems sind.
Daher hatten wir am 18.4.16 folgende Bitte an die Verwaltung gestellt:
„Hiermit bitten wir die Verwaltung, folgende Daten tabellarisch zusammenzustellen und diese dem Planungs- und Umweltausschuss vorzustellen: Veränderung der Siedlungs- und Verkehrsflächen (SuV) der Gemeinde Tostedt seit Beginn der statistischen Auswertung“
In der Begründung dazu führten wir aus: „…Bisher haben die kommunalen Planungsträger in der Gemeinde Tostedt jedoch keine wesentlichen Anstrengungen unternommen, sich bei der Ausweisung von Siedlungs- und Verkehrsflächen einzuschränken. Zur Verringerung des jährlich rasant ansteigenden Flächenverbrauchs und der Schonung der natürlichen Ressourcen, zu denen auch unversiegelte Bodenflächen gehören, sollte die Ausweisung von SuV zukünftig mit mehr Augenmaß und Willen zur Selbstdisziplin erfolgen. Die Überplanung bisher unversiegelter Flächen in den Außenbereichen von Siedlungen sollte mehr und mehr Ausnahme werden, die Wiedernutzbarmachung bereits versiegelter Flächen und eine innerörtlichen Nachverdichtung sollten demgegenüber verstärkt angestrebt werden.“

Am 8.8.2016 hat die Verwaltung in der Sitzungsvorlage 07.16/224 die erbetenen Zahlen zusammengestellt und kommentiert. In der Samtgemeinde Tostedt ist danach die Nutzung „Gebäude- und Freifläche“ von 1006 ha (1979) auf 1545 ha (2014) angestiegen, die Nutzung von „Verkehrsflächen“ im gleichen Zeitraum von 854 ha auf 931 ha.

Wir haben die Daten der Siedlungs- und Verkehrsfläche addiert (dazu rechnet das Statistische Bundesamt folgende Nutzungskategorien: Gebäude- und Freiflächen; Betriebsflächen ohne Abbauland; Erholungsflächen; Verkehrsflächen; Friedhöfe) und die jährlichen Veränderungen bestimmt. Im Mittel der Jahre seit 2001 sind in der Samtgemeinde jährlich 18 ha verbraucht worden.

Die KBU (Kommission Bodenschutz des Umweltbundesamtes) hat die Zielvorgaben der Bundesregierung auf die Länder verteilt. Danach stehen Niedersachsen im Jahr 2020 täglich 3,2 ha für neue Flächenbeanspruchungen zu, wenn die Nachhaltigkeitsziele nicht verfehlt werden sollen. Dieser Wert entspricht unter der Annahme gleichmäßiger Zuweisungen für alle Kommunen einem Flächenpool von 5,4 ha/Jahr für die Samtgemeinde Tostedt. Der Flächenverbrauch muss also auf 1/3 des bisherigen Mittels reduziert werden! Die Grenzen des Wachstums sind aufgezeigt, nun müssen sie umgesetzt werden.

An dem bisherigen Flächenverbrauch ist die Gemeinde Tostedt lediglich zu 40 % beteiligt (im Mittel 7,1 ha pro Jahr), obwohl sie als Zentralort fungiert und mehr als 50 % der Einwohner dort ansässig sind. Im Vergleich der umliegenden Kommunen wurden in Heidenau (54 ha entsprechend 21,7 % der Samtgemeinde) und in Otter (25 ha entsprechend 10,1 % der Samtgemeinde) in den letzten 14 Jahren die meisten Flächen verbraucht.

Für uns bedeuten die Zahlen, dass gemeinsame Anstrengungen notwendig sind, den Flächenverbrauch auch vor unserer Haustür deutlich zu reduzieren. Dabei meinen wir mit ‚gemeinsam‘ zunächst übergreifend in den Gemeinden der Samtgemeinde, darüber hinaus aber auch in Kooperation mit den Nachbarkommunen. Nur durch eine abgestimmte Baulandentwicklung können die bundesweiten Ziele erreicht werden. Ein ‚Flächenzertifikat‘, mit dem jede Kommune jährliche und handelbare Rechte für eine Inanspruchnahme der Landschaft erhält, könnte ein geeignetes Instrument sein, bedarf dann aber einer landes-/bundesweiten Einführung. Modellversuche laufen, bis zur Umsetzung bedarf es aber politischem Willen, der bei uns schon vorhanden ist.

(Details siehe https://www.umweltbundesamt.de/themen/boden-landwirtschaft/flaechensparen-boeden-landschaften-erhalten/handel-flaechenzertifikaten)

Text als Download inklusive Grafiken des Umweltbundesamtes hier: Flächenverbrauch SG-Tostedt

Text unserer Anfrage sowie die Vorlage der Verwaltung  hier: 07-16_224_AnfrageGRUENE_AntwortVerwaltung

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